Die Philosophiegeschichte, die nach dem zweiten Weltkrieg die Philosophie in Deutschland weitgehend ersetzte, hat ein verzerrtes Bild der deutschen Philosophie gezeichnet. Zum Beispiel hat sie vielfach von der deutschen Philosophie des 19. Jahrhunderts den Eindruck vermittelt, daß sie vor allem aus dem deutschen Idealismus und Nietzsche, Schopenhauer und Feuerbach bestünde. Kaum erwähnt werden hingegen Hermann Lotze, Bernard Bolzano und Franz Brentano, die aber sicher zu den einflußreichsten und wissenschaftlich besten deutschen Philosophen ihrer Zeit gehören. Lotzes Schriften wurden nach Erscheinen umgehend ins Englische übersetzt und in England und den USA verbreitet. Wurden Vertreter bestimmter Positionen besonders hervorgehoben und andere verdrängt? Nach der gängigen Lehre steht ab dem 18. Jahrhundert, im sog. „Zeitalter der Aufklärung“, „im Mittelpunkt des Denkens ... nicht mehr wie im 16. Jahrhundert das Sein und seine obersten Bestimmungen, sondern der Mensch, sein Wesen und seine Bedürfnisse. Die vornehmste Wissenschaft ist jetzt nicht mehr die Theologie oder die Metaphysik, sondern die Lehre vom Menschen.“ (Raffaele Ciafardone, Die Philosophie der deutschen Aufklärung, Verlag Reclam, 1983, S. 15) Hat man, um diese Sicht vertreten zu können, etwas nachgeholfen und diejenigen Texte und Philosophen, die sich diesem Schema widersetzen, mit Mißachtung bestraft? Wie dem auch sei, diese Seite will dazu dienen, den Zugang zu weniger bekannten deutschen philosophischen Texten zu erleichtern.
Dank der Digitalisierung sind viele philosophische Bücher heute frei im Internet verfügbar. HIER ist eine Liste mit herunterladbaren Texten, welche vergessene philosophische Erkenntnisse erhalten und die philosophische Forschung in Deutschland anregen könnten. Für die Funktion der Suchfunktionen darf im Internetnavigator Java-Script nicht ausgeschaltet sein. Unten einige Hinweise, wie Sie an der Erweiterung der Liste mitarbeiten können. Die Liste enthält natürlich nicht nur vernachlässigte, sondern auch bekanntere Texte.
Die reichsten Quellen gescannter philosophischer Bücher sind derzeit Google Books und Archive.org (sehen Sie sich auch einmal die anderen Projekte an). Suchen Sie in der "Advanced Search" im Feld "Titel" z.B. nach "Metaphysik", "Philosophie", "Ethik", "Seele", "Religionsphilosophie" oder "Philosophie der Gegenwart", oder im Feld "Autor" mit dem Nachnamen (nötigenfalls außerdem Vornamen) eines Autors.
Reichhaltige Informationen zu unbekannten deutschen Philosophen findet man oft im Bautz Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon, in Eislers "Philosophen-Lexikon" sowie bei Wikisource, wo man manchmal auch Verweise auf Digitalisierungen findet. Über einiges berichtet auch Karl Vorländers Geschichte der Philosophie (1902) (auch auf zeno.org, wo HIER ein Inhaltsverzeichnis der philosophischen Texte ist). Mit einer Internetsuchmaschine findet man meist weitere Information.
Die Post-Reformation Digital Library der "Hekman-Libarary" führt viele nachreformatorische theologische und auch philosophische Texte auf und nennt, wo Digitalisate herunterzuladen sind.
Digitalisate kaufen kann man relativ günstig bei Philosophiebuch.de. Facsimile-Nachdrucke gibt es bei Elibron.com.
Weitere Quellen digitalisierter Bücher:
Zur Liste herunterladbarer deutscher philosophischer Bücher.
Hier wird demnächst auch eine Liste englischer herunterladbare philosophischer Bücher sein.
1. Laden Sie philosophische Texte von Google-Books oder anderswo herunter oder scannen Sie selbst welche und laden Sie diese auf Archive.org hoch. Drei Gründe dafür: Erstens funktioniert die Buchsuche auf Google schlecht. Zweitens verschwinden Bücher manchmal von Google-Books, und vielleicht wird Google das kostenlose Herunterladen von Büchern unmöglich machen. Drittens können viele Bücher auf Google-Books nur in den USA heruntergeladen werden. Hinweise zum Hochladen von Büchern auf Archive.org:
2. Fügen Sie Texte, die auf Archive.org liegen, zu dieser Liste hinzu. Diese Liste beruht auf dieser Bibtex-Datei, die mit Jabref erstellt wurde. HIER ist eine Muster-Bibtex-Datei. Tragen Sie Titel in diese Datei ein und schicken Sie sie mir an epost@abc.de (ersetze "abc" durch "von-wachter"). Ich werde sie dann zur Hauptdatei und zur im Internet veröffentlichten Liste hinzufügen. Hinweise zur Bibtex-Datei:
Zu vielen Themen finden Sie auf Information-Philosophie.de Literaturlisten mit alten deutschen Texten.
Muellerscience.com bietet eine Literaturliste mit vorwiegend deutschen alten Texten zum Leib-Seele-Problem. Siehe auch Information-Philosophie.de ( Fortsetzung). Weitere, englische, vorwiegend neuere Texte finden Sie auf Newdualism.org.
Raymond Aron; Bruno Bauch; Friedrich Eduard Beneke; Lion Brunschwigg; Ernst Cassirer; Hermann Cohen; Georg Cohn; Hans Cornelius; Kuno Fischer; Jakob Friedrich Fries; Hermann von Helmholtz; Richard Hönigswald; Ludwig Heinrich Jakob; Hans Kelsen; Wilhelm Traugott Krug; Friedrich Albert Lange; Otto Liebmann; Jürgen Bona Meyer; Paul Natorp; Robert Reininger; Heinrich Rickert; Alois Riehl; Friedrich Adolf Trendelenburg; Robert Hans Vaihinger; Karl Vorländer; Christian Hermann Weisse; Wilhelm Windelband; Eduard Zeller.
Alfred Jules Ayer; Richard Avenarius; Rudolf Carnap; Herbert Feigl; Philipp Frank; Kurt Gödel; Hans Hahn; Carl Gustav Hempel; Victor Kraft; Ernst Mach; Otto Neurath; Willard Van Orman Quine; Hans Reichenbach; Moritz Schlick; Adolph Stöhr; Alfred Tarski; Friedrich Waismann.
Wikipedia:
Hegelianismus aus cpw-online.de
www.baumgarten-alexander-gottlieb.de/. Wikisource.
"Metaphysik ist die Wissenschaft vom Gesamtwirklichen; realwissenschaftliche Einzeldisziplinen haben (substantielle oder nicht-substantielle) Wirklichkeitsbestandteile zum Gegenstand." "Nach ihren Gegenständen, Methoden und Erkenntnisgrundlagen gehören Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften und Metaphysik als die drei großen Abteilungen der Realwissenschaften zusammen. Dabei übergreift und krönt die Gesamtrealwissenschaft die beiden Gruppen von Einzelrealwissenschaften, indem sie beider Gegenstände, Methoden und Erkenntnisgrundlagen verbindet, und indem sie sich auf die Ergebnisse der beiden stützt. Oder sagen wir, um ein anderes, altes Bild zu gebrauchen: die Metaphysik ist die Königin der Wissenschaften; aber diese Königin ist eine überzarte, seit langem kränkelnde Frau. Sie bedarf gar sehr der Unterstützung durch ihre gesund und kraftvoll entwickelten Schwestern, die Einzelrealwissenschaften. Möge die Königin der Wissenschaften, genährt mit der gesunden Speise der Erfahrung, zu der stolzen Kraft ihrer Schwestern genesen!"
Wurde 1805 zum katholischen Prieser geweiht und wurde Professor für philosophische Religionslehre an der Universität Prag. 1819 wurde er seines Amtes enthoben. Eines der ersten philosophischen Bücher, die er las, war Baumgartens Metaphysik.
Schüler Trendelenburgs. Katholischer Priester, trat aber 1873 aus der kath. Kirche aus. Wirkte auf A. Marty (1847-1914), O. Kraus (1874-1942), A. Meinong (1853 bis 1921), A. Höfler (1853-1922), C. Stumpf (1848-1936), A. Kastil (1874-1950). Besonders hat Brentano auch auf E. Husserl gewirkt.
Theologe, Kritiker Wolffs.
Neben Johann Franz Buddeus wurde er zu einem der schärfsten Gegner der Philosophie Gottfried Leibniz' und Christian Wolffs. Gegen diese verfocht er eine Einheit der positiven Offenbarung und der Vernunft und lehnte den ontologischen Gottesbeweis ab. Crusius bestritt Leibniz' und Wolffs Determinismus.
Wikipedia-EN und Wikisource mit Verweisen auf Digitalisierungen; Wikipedia-DE
Ein Sohn Johann Gottlieb Fichte's. Gründete 1837 die Zeitschrift für Philosophie und speculative Theologie (Info), Mitherausgeber sind Hermann Ulrici ↓ und Johann Ulrich Wirth; ab 1847 heißt sie Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik.
Realist. Einer der Begründer der Pädagogik.
Bibliographie, Wikisource, BBKL, Benno Erdmann, Martin Knutzen und seine Zeit, 1876.
Nachfolger Kants 1805 in Königsberg. Seit 1809 in Leipzig. Mitglied der Leipziger Freimaurerloge „Minverva zu den drei Palmen“. Suchte nach einer Alternative sowohl zum Idealismus als auch zum Realismus. Behauptete eine Verknüpfung des Seins und des Wissens im Bewusstsein als eine transzendentalen Synthese. Professorenkatalog der Univ. Leipzig.
BBKL, Wikipedia, Allgemeine Deutsche Biographie, Neue Deutsche Biographie..
Kritisierte Wolffs Determinismus und mechanistisches Weltbild.
Hatte 1870 in Zürich einen Lehrstuhl für induktive Metaphysik inne. Kritik des materialismus in Geschichte des Materialismus (1866).
Ciafardone schreibt über Leibniz: „Sein Denken stellt das letzte große philosophische System des 17. Jahrhunderts dar und ist der Versuch, die philosophische und religiöse Tradition mit der modernen Naturwissenschaft zu versöhnen.“ Danach folgte gemäß C. „die Aufklärung“. Wenn C. damit meint, daß Leibniz der letzte Metaphysiker war und das letzte große philosophische System überhaupt geschaffen hat, ist dem entgegenzuhalten, daß es auch nach Leibniz kontinuierlich bis heute jede Menge kleine und große Werke und Systeme der Metaphysik gibt.
BBKL, IEP, SEP. Verweise zu herunterladbaren Werken auch bei Wikipedia. Vorländer.
HIER einige wissenschaftliche Aufsätze zu Lotze von Nikolay Milkov
Most works by Lotze were translated into English and can be downloaded from Archive.org. Direct links are given in Wikipedia.
Schüler Baumgartens. Lehnt sich an Wolff an. Schrieb auf deutsch. Bekannt ist seine Ästhetik "Anfangsgründe aller schönen Künste und Wissenschaften", er hat aber auch eine vierbändige Metaphysik geschrieben. Werke bei Wikisource.
Ein Gegner Christian von Wolffs.
Lebensbeschreibung. Ein Anhänger Wolffs.
Hat 1860 bei Lotze in Göttingen habilitiert. Vertrat den christlichen Theismus und einen Spiritualismus. Einer seiner Schüler war R. Eucken. Projekt Teichmüller-Edition.
Gilt als der Begründer der deutschen „Aufklärung“. Hielt 1687 die erste Vorlesung auf deutsch statt auf lateinisch. Sagte, „daß die Logik, die man in Schulen und Akademien lerne, zur Erforschung der Wahrheit so viel helfe, als wenn er miteinem Strohhalm ein Schiffpfund aufheben wollte.“
Ordentlicher Professor der Philosophie in Halle, auswärt. Mitglied der Academia di scienze e lettere di Palermo. Schrieb auch unter dem Pseudonym Ulrich Reimann. Gab mit I.H. Fichte zusammen die Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik heraus. Lebenslauf; dort wird gesagt, Ulricis Karriere war wegen seiner Kritik an Hegel langsam. Ulrici war evangelischer Christ. Verweise auf Google Books auf Wikipedia-EN. BBKL
Rechnet seine Arbeit zur „wissenschaftlichen Philosophie“ (System der Logik, S. iii)
Zitat aus dem Vorwort seines Buches Gott und die Natur von 1875:
Gott ist der schöpferische Urheber der Natur und die absolute Voraussetzung der Naturwissenchaft selbst. … Ruht der Glaube an Gott auf der Wahrheit, so wird jeder neue Fortschritt in der wissenschaftlichen Erkenntnis der Natur zu einem neuen Beweise seiner Berechtigung werden, ihn bestätigen, kräftigen, erhellen müssen. Denn gibt es einen Gott im religiösen Sinne des Worts, so ist nothwendig die Natur seine erste und älteste Offenbarung. Ich habe Prüfstein angelegt, ich habe nach ihm so scharf und genau, als ich es vermochte, gemessen und gewogen; und es hat sich ergeben, daß die moderne Naturwissenschaft, weit entfernt dem Pantheismus, Materialismus und Atheismus in die Hände zu arbeiten, vielmehr in ihren Resulaten wie in ihren Grundbegriffen und Consequenzen zu der gerade entgegengesetzten Weltanschauung führt. Dieß Ergebniß habe ich wissenschaftlich darzuthun und zu begründen gesucht.
Zum philosophischen Stil:
[Ich habe die Forderungen der Wissenschaft] zu wahren gesucht, indem ich bestrebt war, die Besonnenheit, Kälte und Objectivität der wissenschaftlichen Forschung, welche nach meinem Gefühl jeden Schmuck der Drastellung verbietet, weil er ihr widerspricht, auch in Styl und Ausdruck hervortreten zu lassen. Man erwarte daher weder Schwung und Fülle noch Anmuth und Eleganz der Rede. Mein einziges Trachten in formeller Beziehung ist auf größtmögliche Klarheit, Einfachheit un angemssenheit des Ausdrucks gerichtet gewesen. Dadurch indessen glaube ich am besten derjenigen Popularität der Darstellung gedient zu haben, die allein von Werken dieser Art gefordert und erreicht werden kann."
Kritiker: Crusius, Andreas Rüdiger, Johann Franz Buddeus (Wikipedia, BBKL), Joachim Lange (↑ s.o.), Friedrich Heinrich Jacobi.
Determinist. Bestritt die Willensfreiheit, wurde deshalb von Crusius kritisiert.
Begründer der Psychologie. 1874 Berufung zum o. Professor für induktive Philosophie an die Universität Zürich.